| 16. | 2020 |
| Aug |
Newsletter # 783
Mozazz
Es stellt sich ja immer wieder die Frage, der "musikalischen Prägung". Bei mir wird allgemein angenommen, ich hätte "den Jazz" quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Darum ...
Nö. - Ich bin nicht in New Orleans geboren. Sondern in Schwabing. Meine Eltern wussten zwar, wie man "Jazz" schreibt, aber ich kann mich nicht erinnern, daß jemals eine Jazz-Platte zuhause gespielt wurde. Es gab: Mozart. Und: Mozart. Und, Sie werden es kaum glauben: Mozart.
Letzte Woche habe ich im Keller meine alten Schallplatten ausgegraben. Aufregend. Meine allererste Platte: "Wolfgang, von Gott geliebt. Die Geschichte des Kindes Mozart. Deutsche Grammophon". Klar. Meine zweite: Eine Doppel-Platte Vogelstimmen (nein, bitte keine Fragen stellen).
Mit Jazz wurde ich erst spät konfrontiert. Im Grunde erst durch eine "Tante" in der DDR, die mich in einen Schallplattenladen in Ost-Berlin mitnahm. Ich durfte mir Platten aussuchen, alle von "Amiga", dem DDR-Plattenlabel.
Da ich keine Ahnung hatte, griff ich wahllos zu. Nahm mit, was spannend klang: Juliette Greco. Bernstein spielt Brubeck, Brubeck spielt Bernstein, Mr. Acker Bilk in Leipzig ... Unter anderem aber auch: Conrad Bauer. Solo-Posaune. 1981. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie das funktionieren soll: Eine ganze Platte Solo-Posaune. Free Jazz. Zirkularatmung. Ich kann es mir immer noch nicht vorstellen.
Die Platte entwickelte sich zum Albtraum für meine Umgebung. Wenn ich die Platte im Internat auflegte, hatte ich den Gang schlagartig für mich alleine. Mein Musiklehrer lieh sie sich aus, weil seine Kinder nicht aufstehen wollten. Conrad Bauer aufgelegt. Kinder in Sekunden aus dem Bett.
Ich habe sie mir gestern nach Jahrzehnten wieder angehört. Um ehrlich zu sein, ich habe es nicht geschafft, die Platte bis zum Ende durchzuhören. Auch heute habe ich keinen Zugang zu der Musik.
Aber da diese Platte der "VEB Deutsche Schallplatten Berlin DDR" für 16,10 Mark eine ganz eigene Geschichte hat, werde ich Sie natürlich ganz besonders in Ehren halten und, wenn Sie brav sind, nicht in meiner Bar spielen, aber nur, wenn Sie brav sind ...
